Social Distortion+ 22.8.2005 Schlachthof Wiesbaden

Als ich an diesem verregneten und tristen August Montag Vormittag in meine Lederjacke, Bluejeans und die neu errungenen weißen Chucks zwängte stellte ich anhand meines mittlerweile nicht mehr zu übersehenden Bierbauchs und der Tatsache, das mein Bartwuchs mittlerweile die Dichte eines Schwermetalls erreicht hat (Oder wenigstens die eines Feststoffes), fest, das ich wohl oder übel einige Tage älter geworden bin. War das schlimm? Ist älter werden im allgemeinen schlimm? Nun, das würde ich ja heute abend sehen, wenn ich endlich den 43 jährigen Mike Ness live and hopefully loud zu sehen bekommen werde. Was würde mich erwarten? Kompromisslose Punk Rock Show der Superlative oder Frührentner Krückstock. Mir war klar, das dieser Abend entweder das absolut Größte, Beste und Atemberaubendste, das ich in Punkto Punkrock je erlebt habe und erleben werde, oder aber die größte Enttäuschung meines Lebens. Denn mich als Social Distortion oder Mike Ness „Fan“ zu bezeichnen wäre so ebenso maßlos untertrieben wie eine grüne Mamba als Blindschleiche zu betiteln. Ich bin ein Freak. Aber zurück zu den wesentlichen Dingen. Als ich mit meiner göttlichen viel zu früh um ca. 15 Uhr auf dem Parkplatz des Schlachthofs erschien war die Atmosphäre gelassen. Sanfte, mir vertraute Akkordwechsel begleiteten den kräftigen Tenor von Mike Ness. Der Soundcheck machte Lust auf mehr. Wir beschlossen, uns die Zeit bei einem Bierchen in einem der unzähligen Straßencafes von Wiesbaden zu vertreiben und latschten Querfeldein fast den Backyard Babies Gitarristen über den Haufen, der sich gerade oben ohne mitten auf der Wiese sonnte. Um sechs zurück am Schlachthof beobachteten wir, wie sich der Parkplatz langsam mit Autos füllte und sich immer mehr fröhliche und erwartungsvolle Gestalten mit Tattoos, Piercings und lustiger Haarpracht um den Eingang scharten. Dann gings endlich reinwärts. Ich nahm einen großzügigen Schluck von meinem Bier, gab Ihm damit den Rest (achja, falls Ihr mal da seid, bestellt kein Kleines Bier, das ist nur 0,2l (!)) und machte mich auf den Weg nach innen. Jedoch nicht bevor ich meine Jacke ins Auto geworfen hatte. „Wird bestimmt heiß da drin“. Es folgten die zwei ersten Enttäuschungen des Abends. Jungs. Wenn ich schon 23 Euro Eintritt zahl, dann will ich keinen beschissenen Gutschein, dann will ich ne Eintrittskarte, und zwar ne geile. Es hätte doch bei dieser Band weiss Gott genug mögliche Motive gegeben. Naja. Seis drum. Enttäuschung Nummer zwei bestand darin, das sich die Merchandise Preise dermaßen gewaschen hatten, sowas hab ich noch nicht mal bei einer namentlich nicht erwähnten Band aus NYC erlebt. Ein Unterhemd (ein weiterer Anglizismus, auf den die Welt hätte verzichten können, heisst ja jetzt neuerdings „Wife Beater“) für satte 30 Euro, T-Shirt 25. Ich erinnerte mich hier frisch fröhlich an das „Another State of Mind“ Video (wo sich die Band selbst T-Shirts druckt) und beschloss, mein Geld lieber in ein kühles Getränk von der Bar zu investieren. Nach kurzer Zeit begannen die Coopers aus Amsterdam. Die Halle war zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich gefüllt und es wurde zunehmend voller was das Quecksilber im Thermometer fröhlich steigen lies. Bereits nach 5 oder 6 Liedern der Coopers bildete ich mir ein schnelles Urteil über die Band, das da lautet: Naja schon ganz Okay, aber nichts weltbewegendes und außerdem ist es zu heiss hier. Ich packte meine Süße am Arm, zog sie hinter mir her zurück in den Kneipe mit den drolligen 0,2er Gläsern und orderte eine Ladung Gerstensaft. Hier gefiel es mir erheblich besser, denn der DJ heizte mit einer bunten Mischung aus Dropkick Murphys, Rancid etc. vor, die allerdings unüberhörbar von Social Distortion dominiert wurde, ich schätze der gute Mann hat sich eben nicht weniger auf den heutigen Mainact gefreut, als jeder andere Anwesende auch. Als ich zwei Bier später wieder die Halle betrat warren die Backyard Babies bereits tüchtig zu Gange und rockten was das Zeug hielt. Obwohl die Musik der Babies für meinen Geschmack etwas zu poppig ist, konnten sie mich live ein weiteres Mal überzeugen und glänzten durch eine gute Bühnenshow und viele bekannte Hits aus Ihrem Repertoire. Meine Laune stieg ungeachtet der stetig heißer werdenden Lufttemperatur, die mittlerweile durch diverse Ausdünstungen der ca. 700 bis 800 Leute eine Feuchtigkeit von nicht unter 85% vorzuweisen hatte!


 



Als in der Umbaupause der vordere Bereich etwas lichter zu werden schien ergriff ich meine Chance und abermals die Hand meiner Geliebten, um mir den Weg zu meinem Idol zu bahnen. Während der Pause liefen zuerst kurz die Frantic Flintstones und dann eine ganze Zeit die geilen Hits der Ramones, was das Publikum wirklich zum kochen brachte. Die Vorfreude, die Spannung, die Aufregung war in praktisch jedem Gesicht deutlich zu erkennen. So eine Situation hatte ich wirklich noch nie erlebt. Alle standen da, grölten „Gabba Gabba Hey“ und beobachteten gespannt die Roadies, die immer mehr blinkende und leuchtende Figuren auf den 2 Mike-Ness-Marshall-Verstärkern platzierten. Irgendwann dimmte sich dann das Bühnenlicht, es ertönte ein Surf Intro, das aus dem Film Pulp Fiction bekannt ist, und die Bandmitglieder betraten nach und nach die Bühne. Die Situation eskalierte, als Mike Ness die Bühne betrat. Ein Roadie hängte ihm die Gitarre um, er schlich Kaugummikauend zu seinem Mikro und verkündete in einer Coolness, von der die meisten Menschen nichtmal zu träumen wagen: „So, if everybody’s ready, then let’s do this motherfuckin’ thing!“. Als sie danach mit Reach for the sky zum Besten gaben, fühlte es sich tatsächlich an, als ob mich ein vollbeladener Güterzug mit 88 Sachen über den Haufen rollte. Das mag zum einen am absulut bahnbrechenden Sound und der absolut exakten Darbietung der Kapelle gelegen haben, oder aber daran, das sich jetzt ausnahmslos jeder Mensch in der Halle nach vorne bewegte, die Texte mitsang und die Arme gen die mit Kondenswassertropfen behangene Hallendecke reckte. Es folgte Highway 101, was die Situation nicht grade entschärfte – es war der blanke Wahnsinn. Mag sein, das meine oben kurz beschriebene „Social Distortion Addiction“ was damit zu tun hat, aber ich erinnere mich nicht, einmal einen auch nur in irgendeiner Weise vergleichbaren Gig irgendeiner Band erlebt zu haben. Unaufhörlich wurde ein Hit nach dem anderen in die Ohren der Zuhörer geschmettert. zwei neue, oder zumindest mir unbekannte Songs hatten die Jungs auch im Rucksack, eins im Stil von Highway 101 und eins, das der Overlord nur als „Californian Blues“ bezeichnete. Für mich brachten sie auch noch einen Hammer, als sie „Send her back“ von einer der Mike Ness Soloplatten spielten. Ist doch ziemlich ungewöhnlich oder? Die Spielzeit betrug 1,5 Stunden plus drei Songs Zugabe, die ich mir allerdings vom Ausgang aus anhören musste, weil ich, wenn ich noch eine Sekunde länger in dieser stickigen Luft verbracht hätte, leider kläglich und augenblicklich an einem Herz- Lungenversagen verendet wäre.
Fazit: eine Show mit vielen Highlights, Johnny Two Bags lieferte eine Hammer Leistung an seiner Gitarre ab, die Orgel brachte viel Originalität in die Show, auch der Rest der Band erfüllte die Ansprüche mehr als ich es mir je zu träumen gewagt hätte, und Mr. Michael James Ness thront wie ein Adler über allen anderen. Even tough guys fall in love.



Bericht + Fotos: Christopher Geier

Satanic Stomp Festival, 01/02.04.2005, Speyer